BuiltWithNOF
Leseproben

Leseprobe Das unsichtbare Kreuz

 

...Es war mittlerweile 22 Uhr und so langsam begann die Dunkelheit die Macht über das Tageslicht zu bekommen. Pater Frühling entschied sich, die Bibliothek durch einen Hintereingang zu betreten. Die Schweizer Garde wachte auch mit Argusaugen über diesen Bereich des Vatikan und heute verspürte er keine Lust, den Grund für dieses verspätete Auftauchen dort erklären zu müssen.

 Mit seinem Schlüssel öffnete er an ganz anderer Stelle eine kleine unscheinbare Tür. Er hatte diesen Weg zu seinem Arbeitsplatz einmal gefunden, als er sich, kurz nachdem er seine Tätigkeit dort aufgenommen hatte, in den riesigen Gängen und Hallen in diesem Bereich des Vatikans verlaufen hatte.

 Alle Bereiche waren in dämmriges Licht getaucht, eine Atmosphäre, die Frühling besonders liebte. Sie hatte irgend etwas geheimnisvolles und aufgrund seiner Neugier liebte er Geheimnisse. Die Sohlen seiner Sandalen hinterließen keinerlei Geräusche auf dem Marmorboden und es hatte den Anschein, als schwebe die kleine schwergewichtige Person nur so dahin.

 Kurz bevor er die Tür zu dem Raum, in der er seine Arbeit versah, aufschließen wollte stellte er fest, dass durch das Ornamentglas ein Lichtschein fiel. Es war kein helles Licht und erinnerte ihn an eine Kerze, die offenbar jemand im hinteren Bereich der verwinkelten Bibliothek entzündet hatte. Frühling stutzte. Nein, er hatte am Tage dort keine Kerze entzündet, da war er sich sicher. Andererseits war es in den letzten wer weiß wieviel Jahren noch nie vorgekommen, dass sich zu so später Stunde noch andere Geistliche hier aufhielten. Die Öffnungszeiten der Bibliothek waren festgeschrieben und wurden auch eingehalten. Außer ihm und Kardinal Pontolucci, der die Oberaufsicht in diesem Trakt hatte, durfte sich niemand in diesen Räumen aufhalten. Ein Dieb? Nein, es war niemandem möglich, unbemerkt hier einzudringen. Was gäbe es auch hier außer Büchern zu stehlen? Da war sie wieder, die Neugier des kleinen Mönchs, die die Oberhand vor seiner Angst bekam. Außerdem war der liebe Gott ja bei ihm und es gab keinen Grund, ängstlich zu sein.

 Vorsichtig drückte Pater Frühling die Klinke der Tür sanft nach unten. Jemand hatte den Raum zur Bibliothek aufgeschlossen. Er war sich sicher, dass er am Abend diese Tür verschlossen hatte. Ohne einen Laut zu verursachen, öffnete er die Tür soweit, dass er sich durch den Spalt durchzwängen konnte. Tatsächlich, im hinteren Bereich, verdeckt durch unzählige Bücherregale, konnte er das Flackern von Kerzenlicht erkennen. Seine ganzen Sinne waren angespannt, als er aus diesem Bereich Stimmen wahrnahm. Pater Frühling verharrte, wie ein in die Dunkelheit witterndes Reh, wobei man bei seiner Statur eher an Schwarzwild erinnert wurde. Zwei Männer unterhielten sich und schienen sein Eindringen nicht bemerkt zu haben. Die Unterhaltung wurde aber in sehr gedämpften Ton geführt. Der Mönch erkannte sofort die markante Stimme von Kardinal Pontolucci. Aber wer war sein Gesprächspartner und was um alles in der Welt hatten sie hier zu suchen bzw. zu bereden. Konferenzräume und Büros gab es in diesem Bereich zu Hauf. Warum gerade die Abgeschiedenheit der Bibliothek? Frühling spürte, dass es hier um eine Gespräch gehen musste, dass offenbar vor anderen Ohren verborgen bleiben sollte. Und gerade das machte es für ihn so interessant. Pontolucci war ein intelligenter Mann, und wenn er diesen Ort aufsuchte, um ein Vieraugengespräch zu führen, musste es einen besonderen Grund haben. Und dieser Grund interessierte Pater Frühling ungemein.

 Es war nicht seine Art, andere Priester zu belauschen. Naja, gut, wenn schon, dann eher unbewusst. Ja, ein paarmal war es schon vorgekommen, aber es hatte sich rein zufällig ergeben. Das hier war etwas anderes. Frühling überlegte. Schließlich war es ja der liebe Gott, der ihn heute und jetzt hierher geführt hatte. Also konnte er auch eigentlich nichts dagegen haben, wenn er ein wenig mithörte.

 Leise kroch der Mönch in eine Ecke, in der sich neben Ablageregalen auch ein Fotokopierapparat befand. Es war zwar eng in dieser Ecke, aber zu diesem Zweck überwand sich Frühling und klemmte sich in der Hocke dahinter. Hoffentlich würden sie ihn nicht entdecken. Aber eigentlich war es unmöglich. Erstens wurde zu dieser Zeit hier niemand erwartet und zweitens war es in diesem Bereich der Bibliothek ohnehin recht dunkel, so dass er keine Gefahr lief, in seiner dunkelbraunen Kutte bemerkt zu werden, wenn er sich hinter dem Mobiliar versteckte.

 Das Gespräch schien angeregt geführt zu werden.

 "...und Sie meinen, dass es wirklich erforderlich ist, Kardinal?" Es war D'Agusto, der soeben gesprochen hatte. Erzbischof D’Agusto war also der Gesprächspartner von Pontolucci. Er war für Kontakte ins Ausland im weitesten Sinne zuständig. Frühling hatte ihn noch nie in diesem Bereich des Vatikans gesehen. Er spielte eine führende Rolle in der Kurie, aber Pater Frühling hatte sich noch nie weitergreifende Gedanken über sein Tätigkeitsfeld gemacht.

 "Schauen Sie, lieber D’Agusto", nahm Pontolucci die Frage auf. "Wir müssen zusehen, dass wir eine Risikobegrenzung betreiben. Sie kennen doch die Art unseres heiligen Vaters. Überlegen Sie doch einmal, welche Reformen er in seiner erst sehr kurzen Amtszeit bereits durchgesetzt hat. Reformen, mit denen nicht alle von uns immer sehr zufrieden sind. Stellen Sie sich einmal vor, er bekommt, und es ist nur eine Frage der Zeit, wann er danach verlangt, tatsächlich die Rolle des heiligen Johannes in die Hand."

 >Die Rolle des heiligen Johannes< dachte Pater Frühling. Es ging um den Lieblingsjünger Jesu. Eine Rolle, also ein Schriftstück. Das Evangelium des Johannes konnte nicht gemeint sein, sonst wäre es als solches bezeichnet worden. Es war ein fester Begriff im Klerus. Pater Frühling hatte die heiligen Schriften, insbesondere die der Evangelisten studiert, aber von einer Rolle des Johannes hatte er noch nirgendwo etwas gefunden, nicht einmal einen Hinweis. Das Gespräch versprach, so entschied sich Pater Frühling, wirklich interessant zu werden.

 "Johannes war dabei, als unser Herr am Kreuze starb und hat, entweder aus eigenen Beobachtungen heraus, oder aber anhand von Geständnissen tatsächlicher Geschehenszeugen eine Art, na nennen wir es mal Tatsachenbericht erstellt.....aber das muss ich Ihnen ja nicht erklären," fuhr Kardinal Pontolucci fort. "Sie wissen, dass wir nur fünf Eingeweihte neben dem heiligen Vater sind, die auch den Inhalt dieser Rolle kennen."

 "Aber..." D’Agusto schien noch immer nicht begreifen zu wollen.

 "Die synoptischen Evangelien von Matthäus, Markus und Lukas sind irgendwie identisch. Sie weisen viele Übereinstimmungen auf. Schon das Evangelium des heiligen Johannes ist anders. Es weicht in vielen Details von den drei anderen ab. Ein Umstand, den man nicht so abtun kann, eher im Gegenteil. Die Art seiner Schilderungen lässt den Schluss zu, dass er an vielen Orten und Geschehnissen, die er beschreibt, tatsächlich zugegen war. Das sieht man auch an den detaillierten Beschreibungen, die er abgibt. Bereits hier liegt eine gewisse....Brisanz. Einige gehen davon aus, dass das Evangelium des Johannes das zuverlässigste ist. Hier allerdings haben wir es mit einem Umstand zu tun, mit dem die katholische Kirche seit Jahrhunderten leben konnte und auch noch sicherlich genau so lange leben könnte. Jetzt nehmen sie aber mal die Rolle. Ein zweiter Bericht, eindeutig aus derselben Feder, wie das Evangelium." Kardinal machte eine kleine Pause. Pater Frühling hielt seine Nase prüfend in die Höhe. Es roch nach Tabak. Offenbar hatten sich die beiden Herren bei ihrem Gespräch eine Zigarre gegönnt. Der Duft des verbrannten Tabaks stieg ihm in die Nase.

 "Sie können sich doch sicherlich noch daran erinnern, welche Unruhe es nicht nur im Klerus gab, als im Frühjahr 1988 Proben des Grabtuch unseres Herrn vom Vatikan freigegeben wurden und in drei unterschiedlichen Labors genauestens, auch unter unserer Anwesenheit, untersucht wurden. Können Sie sich nicht mehr daran erinnern, welche Unruhe damals durch die gesamte Priesterschaft und alle Gläubigen ging, als das Ergebnis der Radiokarbonuntersuchung und die zwangsläufig damit erhobenen Behauptungen publik wurden?"

 "Dass Jesus gar nicht am Kreuz gestorben ist....." D’Agusto begann, nachdenklich zu werden.

 "Genau, mein Lieber. Diese Welle ist aber mittlerweile abgeebbt, bzw. die Wogen, die damals mit derartigen Behauptungen aufgeworfen wurden, sind wieder, Gott sei Dank, in einem leisen Plätschern verrauscht. Die meisten Gläubigen haben diese Behauptungen vergessen, oder sind zu ihrem ursprünglichen Glauben zurückgekehrt. Was meinen Sie aber, lieber D’Agusto, wenn jetzt, gesehen am Zeitalter der Weltgeschichte, nur ein paar Jahre später diese Rolle des Johannes auftaucht und bekannt wird....und ich befürchte, dass unser heiliger Vater mit seinen Vertrauten dafür schon sorgen wird. Denn, wie sagt er immer: Er will den katholischen Glauben wieder nachvollziehbar und ehrlich machen. So eine Dummheit. Er würde, in meinen Augen, und da stehe ich nicht alleine da, genau das Gegenteil erreichen. Noch mehr Panik und Unverständnis unter den Gläubigen, ja so gar im Klerus. Der gesamte Klerikalismus würde ohne Zweifel in Frage gestellt und die Kirche, unsere heilige Kirche, hätte ihren Stand, den sie sich über Jahrhunderte erkämpft und rechtmäßig erworben hat, mit einem Schlag verloren." Kardinal Pontolucci machte eine Pause, um das Gesagte wirken zu lassen.

 "Aber man könnte doch die Rolle, würde sie jemals auftauchen, als Fälschung abtun." D’Agusto begriff offenbar langsam.

 "Aber, aber....wir haben doch selbst mit der gleichen Methode, wie das Turiner Grabtuch untersucht worden ist, auch Proben dieser Rolle untersuchen lassen...mit dem gleichen Ergebnis. Dieses Pergament ist echt. Es wurden genug bakteriologische Beweise darauf und daran gefunden, die seine Echtheit bestätigen. Gott sei Dank ist diese Untersuchung geheim geblieben und es waren, was die Sache fast nur noch schlimmer macht, auch Wissenschaftler aus den Reihen der Kurie, die diese Untersuchungen vorgenommen haben. Sie wissen, und da bin ich ganz froh darüber, nicht, was sie seinerzeit untersucht haben, aber das Ergebnis steht. Die Rolle existiert, sie ist echt und stammt eindeutig vom heiligen Johannes. Sie wissen auch, was er dort so genau beschreibt..."

 "Die Kreuzigung unseres Herrn und seine Auferstehung..."

 "Ja, seine Auferstehung, wie es die katholische Kirche nennt.....so könnte man es oberflächlich bezeichnen. Aber Sie wissen auch, was er in dieser Rolle wirklich zum Ausdruck bringt...."

 "Dass Jesus überhaupt nicht am Kreuz gestorben ist, und dass...."

 "Genau. Und das wollen sie in der heutigen Zeit der gesamten Christenheit einfach so vorhalten?" Pontolucci bemerkte offenbar die Zweifel im Gesicht seines Gegenübers. "Sehen Sie. Wir können das nicht zulassen. Darum muss die Rolle verschwinden, bevor damit Unheil angerichtet wird. Ich habe zunächst daran gedacht, sie ganz und gar zu vernichten, aber das wäre eine Todsünde. Ein derartiges Zeitdokument von unschätzbarem Wert einfach in die Flammen zu werfen. Außerdem wäre es dem heiligen Vater gegenüber auch nicht erklärbar und wir hätten ein erhebliches Problem. Nein." Kardinal Pontolucci nahm wieder einen langen Zug von seiner Zigarre. "Wir werden dieses Dokument an einen Ort bringen, wo es vor der Welt verborgen bleibt und wo man, was zwar ausgeschlossen ist, wenn man es fände, seine Echtheit immer anzweifeln würde, insbesondere der Vatikan. Alle auch dann unternommenen Anstrengungen, das Gegenteil zu beweisen, könnten wir mit Leichtigkeit mit Gegenbeweisen abtun und die Ruhe unter den Gläubigen bliebe bewahrt."

 "Aber wo wollen Sie es deponieren", fragte D’Agusto sichtlich interessiert. Offenbar hatten ihn die Ausführungen Pontoluccis überzeugt.

 "Das ist nicht nur eine Frage des WO, sondern auch des Wie. Die anderen drei eingeweihten Personen der Kurie habe ich bereits überzeugen können, wie Sie, was ich mit absoluter Zufriedenheit festgestellt habe, jetzt auch. Je weniger von diesem Ort wissen, desto besser ist es für die gesamte Christenheit. Nur Sie und ich werden den Ort kennen und ihn, da auszuschließen ist, dass Gott uns beiden gleichzeitig etwas zustoßen lässt, an unsere Nachfolger mündlich weitergeben. Aber machen Sie sich um das Wo und Wie keine Sorgen. Ich habe alle notwendigen Vorbereitungen getroffen. Sie und ich werden in der nächsten Woche eine längere Europareise unternehmen. Während dieser Reise werde ich Sie mit weiteren Einzelheiten vertraut machen. Verstehen Sie mich richtig, lieber D’Agusto, das ist kein Misstrauen Ihnen gegenüber, sondern eine reine Vorsichtsmassnahme im Namen der gesamten katholischen Kirche. Es ist alles arrangiert, nächsten Mittwoch fliegen wir los."

 "Und der heilige Vater...?"

 "Wenn es soweit sein wird, werde ich in der Lage sein, ihm die Richtigkeit unseres Handelns begreiflich zu machen, natürlich mit ein paar anderen Begründungen, Sie verstehen.....und irgendwie...man kann ja nie wissen......." Pontolucci schob den Stuhl auf dem er saß beiseite und stand auf. "Finden Sie nicht auch, dass Johannes Paul II schon sehr krank aussieht..."

 Auch D’Agusto stand auf. Pater Frühling presste seinen Körper ganz dicht an den Boden. Die Männer kamen in seine Richtung. Da sie vorher die Kerze gelöscht hatten, herrschte absolute Dunkelheit im Raum. Die beiden Männer, die sich zwischen den Regalen bewegten, kannten sich hier nicht aus. Darum stießen sie auf dem Weg zur Tür auch ein paarmal gegen Regale und Tische. Frühling hielt die Luft an. Die beiden Geistlichen gingen nur etwa einen Meter entfernt an ihm vorbei. Offenbar machten sie keinerlei Anstalten, sich umzuschauen. Sie waren sich sicher, dass hier niemand war, sonst hätte dieses Gespräch nie in dieser Form in diesem Raum stattgefunden.

 Pontolucci öffnete die Tür, sah vorsichtig auf den Gang hinaus und gab D’Agusto ein Zeichen, dass er hinaustreten sollte. Als beide Männer auf dem Flur waren hörte Frühling, wie ein Schlüssel ins Schloss gesteckt und die Tür sorgfältig verschlossen wurde. Er begann wieder, zu atmen und saß mehrere Minuten regungslos in der Ecke, die ihn das unglaubliche Geheimnis hatte mithören lassen. Erst als eine Zeit verstrichen war, die er nicht mehr benennen konnte, erhob er sich vorsichtig und begab sich zu seinem Schreibtisch. Das Gesagte schwirrte ihm durch den Kopf. Er konnte es nicht einordnen. Was ging hier vor? Wie war der letzte unvollendet gebliebene Satz Pontoluccis gemeint? Er musste hier raus, schleunigst. Pater Frühling fand sofort seine Brille, die er auf dem Schreibtisch vergessen hatte und steckte sie sich in die Kutte. Das alles geschah mehr oder weniger mechanisch. Zu unglaublich waren noch die Worte Pontoluccis in seinem Hirn verwurzelt. Verstand er gar nichts mehr?

 Genauso lautlos und vorsichtig, wie er gekommen war, verließ Pater Frühling das Gebäude durch den Hintereingang. Er wollte noch nicht nach Hause gehen. Er konnte noch nicht nach Hause gehen. Er musste nachdenken. Er wollte nachdenken, er konnte nicht nachdenken. Es war bereits weit nach Mitternacht, als er die Tür seiner kleinen Wohnung aufschloss. Die folgende Nacht fand er erst nach längerer Zeit in den Schlaf, wurde aber von undefinierbaren Träumen geplagt, die ihn am morgens schweißgebadet aufwachen ließen...

.....Ian O'Connor saß an seinem Schreibtisch und schaute verdrießlich nach draußen. Der Tag heute hatte nicht viel interessantes gebracht. Wie üblich war er morgens um kurz nach sieben in dem kleinen Polizeigebäude in Athlone erschienen, hatte sein altes schwarzes Fahrrad auf dem Hinterhof neben den Mülltonnen abgestellt und war in sein Büro gegangen. Seitdem er vor knapp zwei Jahren zum Inspektor befördert worden war, stand ihm auch ein eigenes Büro zu. Zuerst hatte er dieses Privileg genossen, mehr und mehr merkte er aber, dass ihm das ständige Nebeneinander mit seinen Kollegen doch ab und zu fehlte. An Tagen, wie diesem, fehlte es ihm besonders.

 O'Connor war zwar das eher das Gegenteil eines geselligen Typen, aber die ständigen Gespräche mit den anderen, die ihm nicht selten auf die Nerven gegangen waren und sich fast ausnahmslos um Bier und Frauen drehten, vermisste er jetzt doch. Zwar blieb ihm genügend Zeit, sich mit seinen anderen Kollegen zu treffen, in der Wache, oder der Küche, und einen Plausch zu halten, aber irgendwie war es anders, seitdem er sein eigenes Büro hatte.

 Er hatte sich heute mit ein paar Halbstarken rumärgern müssen, die in betrunkenem Zustand einen Touristen angepöbelt hatten. Er hatte auch heute wieder viel Bürokram zu erledigen gehabt, aber so richtig passiert, war nichts. Nicht, dass er darauf aus war, ständig Hektik um sich herum zu lieben. Nein, irgendwie hatte der heutige Tag etwas melancholisches. Ian überlegte. Vielleicht war er ja bereits in den Wechseljahren, die ja wohl auch Männer zu spüren bekamen...

...O'Connor faltete die Zeitung sorgsam zusammen und warf sie in den Papierkorb. Er hatte heute genug gelesen, daraus und aus einer Menge von Akten, die er zu bearbeiten hatte. Morgen wäre sie ohnehin nicht mehr aktuell und er würde neuen Tratsch aus seinem Land, seiner Stadt und der ganzen Welt in der nächsten Ausgabe zu lesen bekommen. Irgendwie hatte sich die melancholische Sentimentalität gelegt und eine leichte Freude auf den Feierabend überkam ihn. Er nahm seinen Pfeifenstopfer, kratzte die Parker damit aus und steckte beides, sowie seinen Tabaksbeutel in die alte lederne Aktentasche. Anschließend verschloss er seinen Schreibtisch, zog sich sein Tweedsakko über und klemmte sich seine braune Mütze mit dem Karomuster unter den Arm.

 Ian schlurfte aus seinem Büro. Der Dielenboden unter ihm krächzte trotz der ihn dabei belastenden 80 Kilo. Nachdem er die Tür ins Schloss gezogen hatte, ging er zur Wache. Zwei seiner Kollegen standen dort herum und fachsimpelten über die neue Bedienung im Corner's Pub. Betty Killary hatte dort ein paar Wochen zuvor angefangen und seitdem für noch mehr Zulauf, insbesondere der männlichen Kundschaft gesorgt. Die beiden wussten, dass Betty in einem gewissen "Verhältnis" zu Ian O'Connor stand und ließen ihr Gespräch bei seinem Anblick verstummen.

 "Na, macht der Herr Inspektor schon Feierabend"; frotzelte einer der beiden, als O'Connor die Wache betrat. "Seit der Herr befördert worden ist, hält er nichts mehr von den Niederungen der Straßenkriminalität", fügte er zu seinem Kollegen gewandt hinzu.

 "Arschloch" erwiderte O'Connor kühl und um seine Augen zeigten sich leichte Lachfältchen. "Wir können ja tauschen und du kannst den scheiß Bürokram für mich erledigen", forderte er zum Wortduell auf.

 "Nein, lieber nicht", nahm dieser den Ball auf. "Ich fahre da lieber auf Streife und kümmere mich um das tatsächliche Geschehen. Schlagen Sie sich mal mit Ihrer Kriminalität herum, Herr Inspektor." Die drei Männer grinsten sich an. O'Connor war beliebt bei seinen Kollegen, doch weder er, noch die anderen, ließen keine Gelegenheit aus, sich gegenseitig auf den Arm zu nehmen.

 "Gehste noch bei Betty vorbei" fragte der andere der beiden.

 "Vielleicht heute Abend noch", antwortete Ian. "Ich will erst mal nach Hause. Vielleicht fahre ich noch ne Runde auf den See raus, mal sehen....Also, ich wünsche euch noch einen ruhigen Dienst." Damit hatte er die Wache verlassen...

...Ian O’Connor stapfte paffend auf den Steg hinaus, als er aus Richtung seines Hauses das Telefon klingeln hörte. Verwundert drehte er sich um. er bekam nicht sonderlich viele Anrufe. Alle seine Bekannten hatten im Laufe der Zeit mitbekommen, dass O’Connor, getreu dem Motto my home is my castle zuhause ungestört sein wollte und akzeptierten dieses Ansinnen.

 O’Connor stopfte sich die Pfeife in den Mundwinkel und schlenderte gemächlich in Richtung Haus zurück. War das, was man von ihm wollte, wichtig, so würde man es solange weiterklingeln lassen, bis er den Hörer abnahm. War es unwichtig, und davon ging er aus, würde es, bevor er den Hörer abnehmen konnte, aufhören zu klingeln. Das Telefon wollte ihm diesen Gefallen aber nicht tun.

 O’Connor stellte seine Teetasse auf der Kommode ab und nahm den Hörer in die Hand.

 "O’Connor", seine Stimme hatte nicht unbedingt einen einladenden Klang, als er seinen Namen in den Hörer sprach.

 "Inspektor O’Connor?" fragte die Stimme am anderen Ende der Leitung.

 Ian O’Connor erkannte einen jungen Polizisten von seiner Dienststelle.

 "Ja, wer denn sonst", war die Antwort. Seine Stimmlage war die gleiche geblieben.

 "Sie müssen herkommen...", sagte der junge Kollege und es schien, als klang seine Stimme ängstlich und verwirrt.

 "Was'n los?" fragte O’Connor kurz und kratzte sich dabei mit der rechten Hand hinter dem Ohr.

 "Sie werden's nicht glauben...wir haben einen Toten...." Die Stimme des Polizisten begann, zu zittern.

 "Und? Ihr werdet ja wohl einen Unfall alleine aufnehmen können, oder?" O’Connor war offenbar noch nicht bereit, der Bitte des Anrufers zu entsprechen.

 "Es ist kein Unfall, O'Connor. Es handelt sich um einen Mord.....furchtbaren Mord."

 "Wer ist denn tot?" wollte O’Connor wissen und war sichtlich überrascht über das soeben Gehörte.

 "Ich weiß noch nicht genau, wer es ist, irgend ein Mönch aus Clonmacnoise", stammelte der Polizist weiter. "Aufs Übelste zugerichtet..."

 "Also gut, ich mach mich auf den Weg", meinte O’Connor resigniert. "Aber wartet mit einem Wagen auf mich...und es kann einen Moment dauern, ich komme, wie du weißt, mit dem Fahrrad." Noch bevor sein Gegenüber am anderen Ende der Leitung etwas sagen konnte, hatte Ian O’Connor den Hörer aufgelegt.

 Jessy war ihrem Herrchen ins Haus gefolgt und sah ihn verwundert an, als er sich noch immer mit der Hand am Kopf kratzte. Clonmacnoise, das alte Kloster an den Niederungen des Shannon. Ein Mord...

...Ian O’Connor setzte sich auf einen freien Schreibtisch im Wachraum und zog seine Parker hervor. Während Jackson berichtete, begann er, sie zu stopfen.

 "Die Meldung kam gegen 20 Uhr", begann der Wachhabende zu berichten. "Einer der zwölf Priester, die derzeit dort leben, rief hier an und teilte mit, dass man den Vorsteher der Einrichtung, oder Abt, wie immer das heißen mag, gerade gefunden habe." Jackson nestelte an einem Haufen Papier herum, der auf einem anderen Schreibtisch lag. "Wie heisst er doch gleich.....Toldrim....ja, Father Toldrim..."

 "Ist Toldrim der Anrufer, oder der Tote?" wollte O’Connor wissen.

 "Der Tote", antwortete Jackson und suchte offenbar noch immer eine andere Notiz. "Wie hieß doch gleich der Anrufer..."

 "Lass sein..", unterbrach ihn O’Connor. "Ist im Moment egal, er wird ja noch da sein und du schreibst mir ja alles in einem Bericht auf." Das war keine Frage, sondern eine Feststellung.

 "Wann willst du den Bericht haben?", fragte Jackson misstrauisch. "Reicht es, wenn ich ihn morgen schreibe?"

 "Du spinnst wohl", fuhr ihn O’Connor an. "Hier geht es offenbar nicht um einen Unfall, oder so was, sondern um einen Mord und soviel wird es für dich ja wohl nicht zu schreiben geben, oder?" Da war sie wieder, die zusammengezogene Stirnfalte. "Weiter..."

 "Also", fuhr Jackson resigniert fort. "Sie haben Toldrim in seinem Büro gefunden. Mussten sie übrigens aufbrechen, weil die Tür verschlossen war, von innen. Sie hatten Father Toldrim wohl den ganzen Tag nicht gesehen und sich Sorgen gemacht. Warum auch immer haben sie die Tür zu seinem Büro aufgebrochen und ihn da gefunden. Kurz danach haben sie hier angerufen. McNeall war als einer der ersten dort." Jackson deutete auf den immer blasser werdenden jungen Polizisten.

 "Und?" Inspektor O’Connor sah den jungen Mann erwartungsvoll an.

 "Es sieht schlimm da aus..."McNeall würgte sichtlich und das Reden fiel ihm schwer. "Überall Blut. Er lag gefesselt an einen Stuhl hinter seinem Schreibtisch..."

 "Ich hoffe, er liegt da noch immer", unterbrach ihn O’Connor. "Oder habt ihr da was verändert?"

 "Nein, nein", beeilte sich McNeall zu antworten. "Das der tot war, konnte man sehen. Man hat ihm was abgeschnitten..."

 "Was?" O’Connor wurde hellhörig.

 "Naja..." stotterte McNeall. "Sie haben ihm den...das Geschlechtsteil abgeschnitten und auf den Schreibtisch gelegt..." McNeall konnte nicht mehr. Er hielt sich den Mund zu und rannte aus der Wache auf Toilette, wo er sich hörbar übergab.

 "Ach du Scheiße", entfuhr es O’Connor. "Wer macht denn so was?"

 "Andere Wunden hat man wohl so auf den ersten Blick nicht entdeckt", fuhr Jackson weiter fort. "So, wie mir McNeall berichtet hat, ist dort alles voller Blut und der arme Kerl ist offenbar regelrecht verblutet."

 "Hat man schon Anhaltspunkte über den möglichen Täter?"

 "Nichts. Wie gesagt, war die Tür von innen verschlossen."

 "Naja", Inspektor O’Connor erhob sich. "Ich hole dann mal meinen Koffer. Habt ihr eine Kamera, die funktioniert und genügend Filme für mich?"

 "Klar, ich suche sie dir raus. Wenn du runterkommst, kann dich McNeall hinfahren."

 "Mach du das lieber", überlegte O’Connor. "Der arme Kerl hat, glaube ich, genug für heute und möchte da wohl nicht noch einmal unbedingt hin."

 "Ich auch nicht", stellte Jackson entschlossen fest. "Außerdem muss ich dir ja noch den Bericht schreiben."

 "Stell dich nicht so an. Du musst ja nicht mit reinkommen. Also, ich bin gleich wieder da." Damit war der Inspektor aus der Wache verschwunden und auf dem Weg in sein Büro. Er schnappte sich seinen Metallkoffer, in dem er Spurensicherungsmaterial deponiert hatte und schaute sich im Raum um. Ian überlegte, ob er noch irgend etwas von hier gebrauchen könnte, kam aber zu dem Schluss, dass das nicht der Fall war. Nachdem er das Licht ausgeknipst hatte ging er die Treppe nach unten.

 "Warum übernehmen die Arschlöcher aus Limerick nicht die Sache" fragte er, als er mit Jackson zu dem schwarzen Streifenwagen ging.

 "Die haben angeblich keine Leute frei und meinten, du würdest das schon machen." Halb bewundernd, halb neidisch fügte er den zweiten Halbsatz hinzu. O’Connor schmunzelte in sich hinein...

 

zurück

[krimibauch.de] [Über mich] [Bücher] [Meine Top 10] [Kontakt] [Lesungen] [Leseproben] [Aktuelles]